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Narzissmus – oder einfach der verzweifelte Wunsch, zu genügen?
In Trennungsberatungen fällt ein Begriff besonders häufig: Narzissmus. Nicht selten beschreibt eine Person den oder die Ex als egozentrisch, selbstverliebt, rücksichtslos. Und ja, narzisstische Muster gibt es. Doch manchmal lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn nicht hinter jeder verletzenden Dynamik steckt eine Persönlichkeitsstörung. Oft zeigt sich vielmehr ein gesellschaftliches Problem, das wir längst normalisiert haben: der enorme Druck, zu beeindrucken.
Wir leben in einer Zeit, in der der Anspruch an uns ständig wächst – beruflich, privat, körperlich, sozial. Gleichzeitig scheint das Selbstwertgefühl vieler Menschen zu sinken. Also strengen wir uns an, mitzuhalten. Mehr noch: Wir wollen nicht nur mithalten, wir wollen sichtbar sein, erfolgreich wirken, attraktiv erscheinen, souverän rüberkommen. Doch oft tun wir das nicht für uns selbst, sondern für das Aussen – für Familie, Freunde, Kollegen, Nachbarn, Follower. Aus Angst, nicht zu genügen. Aus Angst, aus der sozialen Akzeptanz zu fallen.
Genau darin liegt ein entscheidender Unterschied. Wer ständig imponieren muss, lebt nicht unbedingt aus echter Selbstüberschätzung heraus, sondern oft aus einem Mangelgefühl. Das mag nach aussen ähnlich wirken wie Narzissmus: Selbstdarstellung, Empfindlichkeit gegenüber Kritik, ein grosses Bedürfnis nach Bestätigung. Doch im Kern steckt nicht immer Grössenfantasie, sondern häufig Unsicherheit.
In Beziehungen wird das besonders spürbar. Wenn der eigene Wert davon abhängt, wie man wirkt, wird Nähe schwierig. Dann geht es nicht mehr darum, sich wirklich zu zeigen, sondern darum, eine Version von sich aufrechtzuerhalten. Konflikte werden zur Kränkung, Schwäche zur Bedrohung, Ehrlichkeit zum Risiko. Die Partnerschaft wird zum Spiegel, in dem man Bestätigung sucht – oder Ablehnung fürchtet.
Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtiger sein mit schnellen Diagnosen betreffend Narzismus. Nicht um verletzendes Verhalten zu entschuldigen. Sondern um besser zu verstehen, was uns als Gesellschaft prägt. Wenn schon kleine Kinder selbstverständlich erleben, dass Erwachsene ständig online „abwesend“ und „ferngesteuert“ sind – woran orientieren sie sich dann? Was lernen sie über Aufmerksamkeit, über Präsenz, über Selbstwert?
Die eigentliche Frage lautet vielleicht nicht: Wer ist hier narzisstisch? Sondern: Wie sehr haben wir gelernt, uns über Wirkung, statt über Wesen zu definieren? Wie wichtig ist was, um wo dabei zu sein? Was bringt der grösste Bizeps, wenn man im Herzen ein Bücherwurm ist? Was nützt es, viel Geld und Zeit in eine perfekte Fassade zu investieren, wenn darunter Erschöpfung, Leere oder Angst wohnen?
Der Weg hinaus beginnt dort, wo wir aufhören, eine Superlativ-Version von uns selbst zu vermarkten. Wo wir uns fragen: Was passt wirklich zu mir? Wer bin ich, wenn niemand zuschaut? Was brauche ich – nicht, um zu glänzen, sondern um in mir ruhiger zu werden?
Gerade nach Trennungen kann diese Auseinandersetzung heilsam sein. Denn sie eröffnet die Chance, nicht nur den anderen zu beurteilen, sondern auch die Muster zu erkennen, in denen wir alle stehen. Vielleicht ist das nicht weniger unbequem als der Narzissmus-Vorwurf. Aber es ist ehrlicher. Und am Ende womöglich menschlicher.
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