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Die versteckte Romantik des Ehevertrages

Knapp 40 % der schweizerischen Ehen werden geschieden, im Schnitt nach gut 15 Jahren. Ein Ehevertrag sorgt nicht nur für diesen Fall vor, sondern hilft offenbar, den Trennungsfall zu vermeiden. Das ist weniger überraschend als man auf den ersten Blick denkt.

Ein New Yorker Scheidungsanwalt erläuterte kürzlich in einem Podcast seine empirisch gestützte These, dass Paare mit einem ausgearbeiteten Ehevertrag nur sehr selten scheitern. Wie kann das sein? Stell‘ dir vor, du planst eine Schiffsreise. Du würdest dir vorher überlegen, wohin es gehen soll, wie das Budget aussieht, was Dir an Bord wichtig ist und ob du überhaupt seefest bist – oder? Heiraten ist auch eine Reise. Eine sehr lange. Eine ohne klare Landkarte. Und trotzdem trauen sich viele Paare in dieses Abenteuer, ohne vorher ernsthaft zu besprechen, wie sie es eigentlich gemeinsam gestalten wollen. Klingt romantisch? Vielleicht. Klingt riskant? Definitiv.

Und hier kommt der Ehevertrag ins Spiel. Das Wort, bei dem sich spontan alle verliebten Herzen zusammenziehen wie ein Igel bei Gefahr. „Was? Du willst doch wohl nicht gleich an Scheidung denken?“ Ganz im Gegenteil. Eheverträge verhindern häufig, dass man sich scheiden muss. Denn wer einen Ehevertrag macht, redet. Und zwar über die Dinge, die wirklich zählen – bevor es knallt. Über Geld. Kinder. Karriere. Über das grosse Thema: Wer sind wir, und wie wollen wir leben? Das Gespräch über den Ehevertrag ist so etwas wie die Generalprobe für eine gelungene Ehe. Wer das schafft, schafft auch den Alltag. Denn da geht es eben nicht nur um Herzklopfen, sondern um Struktur, Kompromisse und Kommunikation.

Aber genau daran hapert es oft. Und das hat vielleicht auch einen Ursprung, über den kaum jemand spricht: unsere Kindheit. Wir leben in einer Zeit, in der viele Kinder mit der besten Absicht so erzogen werden, dass Konflikte möglichst vermieden werden. Diskussionen? Zu anstrengend. Grenzen? Könnten frustrieren. Also bekommen Kinder – bewusst oder unbewusst – immer häufiger ihren Willen. Das Resultat: Eine Generation, die es nicht gelernt hat, durch Konflikte zu wachsen, die nicht üben konnte, Zurückstecken zu akzeptieren oder Bedürfnisse aufzuschieben. Alles war verhandelbar, alles auf Augenhöhe, alles möglichst harmonisch.

Aber in einer Ehe wird es zwangsläufig Momente geben, in denen man nicht bekommt, was man will. In denen die eigenen Bedürfnisse zurückstehen müssen – für Kinder, für den Partner, für das grössere Ganze. Und wer nie gelernt hat, mit solchen Spannungen umzugehen, scheitert nicht an mangelnder Liebe – sondern an mangelnder Konfliktfähigkeit.

Ein Ehevertrag ist ein Trainingslager für genau diese Kompetenz. Er zwingt dazu, sich auseinanderzusetzen – respektvoll, aber deutlich. Und wer das schafft, der hat gute Chancen, nicht nur einen Vertrag zu unterzeichnen, sondern ein echtes, tragfähiges Versprechen füreinander einzugehen.

Menschen, die sich trauen, einen Ehevertrag zu besprechen, sind daher oft genau die, die ihn nie brauchen werden. Weil sie gelernt haben, zu verhandeln, zuzuhören, fair zu sein. Weil sie sich mit der Realität beschäftigen – und nicht nur mit der Farbe der Servietten auf der Hochzeitsfeier. Klar, ein Ehevertrag ist kein romantisches Gedicht. Aber er ist ein Ausdruck von Respekt. Von Verantwortung. Und von Liebe. Denn was zeigt mehr Vertrauen, als der Wille, ehrlich zu sein, auch wenn’s unbequem wird?

Am Ende ist der Ehevertrag wie ein Regenschirm: Wenn du ihn dabeihast, regnet’s meistens nicht. Also, liebe Paare: Redet! Diskutiert eure Träume. Klärt die Rollen, bevor sie euch überrollen. Sprecht über finanzielle Dinge. Und schreibt das ruhig auf – schwarz auf weiß. Nicht, weil ihr euch nicht liebt. Sondern gerade deshalb.

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